Samstag, 24. August 2013

Ausgerenktes Ich

Singapur - Start, Flug und Landung mit Katar Airways kontrastieren den stressigen Beginn unserer Reise in Köln mit Ereignislosigkeit. Die Gepäckausgabe am Flughafen in Singapur ändert dies. Das Kofferband trödelt in seiner Endlosschleife, bringt hier einen Koffer, da eine Tasche. Nach und nach wird das Band immer voller. Jeder, der schon mal geflogen ist, kennt das fluffige Gefühl, wenn er sein Eigentum zwischen all dem fremden und doch so ähnlichen Kram wiederfindet. 'Yes', denkt man sich, mein Stuff gehört nicht zu den zigmillionen Gepäckstücken, die jedes Jahr in den Tiefen der Luftfrachthölle verschwinden. 

So denke auch ich, als mein Rucksack herbei getuckert kommt. Grinsend greife ich den Schultergurt meines 23-kg-Geschosses. Ich will das Teil auf meinen Rücken wuchten. Geht, bis auf ein fieses, ja häßliches Gefühl in meinem Nacken, ein Gefühl, als hätte mir Bruce Lee persönlich einen Handkanntenschlag auf Halshöhe verpasst. Ich zucke zusammen. Verharre. Eine Viertelsekunde. Dann schreie ich:"Fuck!" 

Der Rucksack schlägt hart auf.
Ein Flughafenpolizist beäugt mich misstrauisch. Mir egal. Nach rechts kann ich den Kopf ganz gut bewegen, nach links nicht mehr, nach oben nur sehr eingeschränkt. Vermutung: ausgerenkt (Halswirbel oder so). 

Anja hat von der Aktion nichts mitbekommen. Sie hat sich um ein Transportmittel für unsere Sachen gekümmert. Mit fragendem Blick nähert sie sich mir: "Was geht? Warum stehst du so krumm und schief da?" Meine Antwort: "Der Drecksrucksack, ich kann meinen Kopf kaum noch bewegen!" Ihr Blick sagt alles. Wortlos räumt sie unser Gepäck auf den Trolley, dann sagt sie: "Ja, musst du vermutlich einrenken lassen."

Zu blöd, dass heute Samstag Abend ist. Wir suchen und finden meine Schwester. Sie wartet schon auf uns in der Abholzone des Flughafens, strahlend, ein Sonnenschein. Meinen leidenden Gesichtsausdruck erkennt sie sofort. Das Geschehene ist schnell erzählt. Die Schwester kennt die Lösung: "Ben, einen Tag musst du's wohl aushalten, denn morgen ist Sonntag. Am Montag geht's zum Arzt, der macht alles wieder gut." 

Dank Voltaren überlebe ich die Nacht und den darauffolgenden Tag. Montags gehe ich schnurstracks zu Dr. David Tio, einem chinesischen Osteopathen. Meine Schwester behält recht. Der macht alles wieder gut. 

Welche Lehre ziehe ich aus dem Ereignis? Mein Backpack muss leichter werden! Kein Problem, zumindest auf der ersten Etappe: Tioman Island, Malaysia. Denn nach einer Woche dort, geht's zurück nach Singapur. D.h. wir packen, als ob wir ne Woche in den Urlaub fahren. Bis auf das Zuma, der Neo und der Regler von Aqualung finden nur 2 Boardshorts, 2 Tanktopps, 1 T-Shirt, ein bisschen Unterwäsche, Kopflampe, Taschenmesser, Handtuch und Waschzeug den Weg in meinen Rucksack. Reduziert auf 13,4 kg.  

Freitag, 16. August 2013

Monkey Business

Mit viel Gefühl, beinahe zärtlich, träufelt er einige Wassertropfen in ein circa 20 cm breites und bis auf den Boden ausgehöhltes Bambusrohr. Mit einer Hand hält er das Rohr senkrecht fest, damit das Wasser nicht herausfließt, dabei stellt er mit der anderen die Wasserflasche ab und greift in eine Plastiktüte. Vier kieselsteingroße, graue Gesteinsbrocken kommen zum Vorschein. Er lässt sie, einen nach dem anderen, in das aufrecht stehende Rohr plumpsen. Nun hält er die Öffnung des Rohres an sein Ohr, als lausche er dem Meeresrauschen im Inneren einer Muschel. Nach einer kurzen Weile setzt er das Ohr wieder ab, zufrieden lächelnd.

Jetzt wird das präparierte Stück Bambus auf einem Betonklotz positioniert. Die große Öffnung am vorderen Ende zeigt Richtung Dschungel, hinweg über einen schmalen Fluß, der sich seinen Weg um riesige Gesteinsbrocken herum raus auf das offenen Meer gesucht hat. Er greift einen verkohlten Stock und taucht ihn in einen blauen Benzinkanister. Nach dem er den Stock wieder heraus zieht, schnappt er sich ein Feuerzeug und entzündet das vor Benzin triefenden Ende. Ein kühner Schwung. Das brennende Ende seiner Fackel trifft auf ein winziges Loch am hinteren Ende des Rohres. 

BOOOOM!

Ein ohrenbetäubendes Krachen erschüttert die Inselidylle. Vögel steigen in Scharen aus den Baumwipfeln auf. Das Echo hallt die Schlucht des Flusses hinauf. Um mich herum erschrockene Gesichter. In meinen Ohren fiept es. 

Happy, der gute Pirat, freut sich diebisch über seinen Krach. Wie ein kleiner Junge an Sylvester strahlt er bis über beide Ohren und johlt laut: "Monkey Business! Only one more!" Die Prozedur wird an diesem Abend noch mindestens zehnmal wiederholt.

Der gute Pirat hat ein Affenproblem, sagt er und deutet auf eine kleine Bananenpflanzen: "See, my banana tree, young one. I had two, just plant it, but big problem: monkey like it very much, so monkey steal it. I take care of my new banana tree, with canon!" 

Die Kanone zeigt scheinbar Wirkung bei den Affen. Ich habe während einer Woche im Piratennest keinen einzigen wilden Affen gesehen. 

Stay tuned!


Die Geschichte von Takk oder wie eine Fliege tauchen lernte

Es war einmal eine Stubenfliege. Keine ganz normale Stubenfliege, nein, es war eine ganz besonders mutige, vorwitzige und draufgängerische Stubenfliege. Ihr Name war Takk. Takk lebte auf einer kleinen Insel, an einem kleinen Strand, in einem noch kleinerem Haus. Nur selten kamen Menschen in Takk's Haus vorbei. Wenn sie kamen, hatten sie meist schwere Taschen dabei, auf denen Takk Namen lesen konnte wie: Mares, Scubapro oder Aqualung. In diesen Taschen brachten die Menschen allerlei Kuriositäten mit, wie Takk befand. Und weil Takk nicht nur mutig, vorwitzig und draufgängerisch war, sondern auch erheblich neugierig, interessierten ihn genau diese Kuriositäten ganz besonders. 

Häufig überflog er die wundersamen Gegenstände im Tiefflug, ließ sich teils auf ihnen nieder, beschnüffelte sie, um heraus zu finden, wofür sie denn wohl gut seien. 
So begab es sich eines schönen Tages, dass Takk der Stubenfliege etwas Unglaubliches widerfuhr. 

In Takk's Haus wohnten seit Neuestem zwei Menschen, Mann und Frau. Sie trugen andere Taschen mit sich herum, als die üblichen Besucher von Takk's Haus. Diese Taschen sahen irgendwie aus wie Schneckenhäuser, fand Takk, weil die Besucher sie auf dem Rücken herumschleppten. Der Mann hatte mehr Kuriositäten dabei, als die Frau. Um einen Gegenstand machte Takk einen großen Bogen. Aqualung stand darauf zu lesen und Zuma. Takk's Problem damit war, sein Erzfeind, der Gekko, hockte beständig auf dem Gegenstand, immer bereit den kleinen Takk zu fressen. 

An einem sonnigen Morgen geschah es. Takk untersuchte gerade einen durchsichtigen Gegenstand, der ihm wegen der vielen feinen Federn und Knöpfen schon immer interessiert hatte, als sich urplötzlich etwas großes Schwarzes auf ihn herabsenkte, eine riesige Hand nach dem Gegenstand griff und diesen schloss, bevor Takk reagieren konnte. Takk war gefangen, gefangen im Unterwassergehäuse einer Kompaktkamera. 

Er ahnte nicht, was nun auf ihn zu kam. Zuerst überkam ihn Panik. Doch zum Glück war er eine Fliege. Fatalismus war ihm also angeboren. Er ergab sich seinem Schicksal. Die Reise begann holprig und mit viel Geblitze. Andauernd drückte die Frau auf einen Knopf, so dass das schwarze Ding, welches Takk eingesperrt hatte, immer wieder Lichtstöße aussandte. Takk gewöhnt sich daran und fing an den Ritt zu genießen. Schließlich war er in einem durchsichtigen Plastikgehäuse auf dem Waterproof bis 40 m stand. 

Es wurde spannender für Takk. Als das Boot, auf das sie gestiegen waren anhielt, sah Takk endlich wofür all die Gegenstände gut waren. Der Mann nahm den Gekko-Gegenstand, stülpte ihn über einen silbernen Zylinder, schraubte dann einen schlauchigen Gegenstand auf dem Mikron stand an den Zylinder, klemmte diesen an den Gekko-Gegenstand, zog sich das alles an und hüpfte ins Wasser. Die Frau tat es ihm gleich, nur dass sie sich noch Takk in seinem kleinen U-Boot schnappte, womit Takk in eine Welt eintauchte, die noch nie zuvor von einer Fliege gesehen worden war. 

All diese wunderbaren Formen, Farben und Wesen. Takk war fasziniert von der kolossalen  Vielfalt, die sich ihm darbot. In seinen kühnsten Träumen hätte er sich eine solche Welt nicht vorstellen können. Das Zeitgefühl hatte die kleine Stubenfliege längst verloren, als es langsam wieder heller wurde und die drei Taucher die Oberfläche durchbrachen, wurde Takk klar, er hatte soeben eine unglaubliche Geschichte erlebt. 

Auf der Fahrt nach Hause wurde der Fliege dann etwa schummerig. "Muss wohl am Tauchen gelegen haben," denkt sie sich. Als das "Gefängnis" von Takk im Süßwasser erneut eingetaucht wird, ist Takk schon fast bewußtlos. Doch dann, kurz bevor das Herz der mutigen Stubenfliege beinahe aufhörte zu schlagen, öffnete der Mann den goldenen Käfig. Nach zwei Atemzügen war Takk wieder bereit zu fliegen und flog. Nun wußte er, wie eine Fliege das Tauchen lernen konnte. Und wenn er nicht gestorben ist, dann taucht Takk noch heute. 

Stay tuned...

Sonntag, 4. August 2013

Aller Anfang ist schwer

Köln - Es klingelt, der Taxifahrer. "Mach hin," stresse ich Anja. Gashahn zu, Wasserhaehne zu, alle Stecker raus, Rucksaecke anziehen: grosser Rucksack hinten, kleiner Rucksack vorne, raus aus der Tuer, abschliessen. Die Ereignisse ueberschlagen sich. Treppe runter, wieder raus aus der Tuer und rein ins Taxi. Ab zum Bahnhof.

Wir sind knapp dran.

Kommt man an einem sehr warmen Augusttag in die Eingangshalle des Koelner Hauptbahnhofes und erkennt auf der grossen blauen Anzeigetafel: fast alle Zuege im Nah- und Fernverkehr haben exorbitante Verspaetungen, waehrend sich die Schlange am Informationsschalter quer durch die gesamte Halle zieht, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo alle Alarmglocken angehen sollten, will man seinen Langstreckenflug von Frankfurt nach Singapur nicht verpassen.

Mit Absicht sage ich sollten die Alarmglocken angehen. Denn erstmal habe wir, bzw. ich ein anderes Problem. In der Hektik des Aufbruchs habe ich mein leider mittlerweile unverzichtbar gewordenes Smartphone am Ladekabel in der Steckdose verpeilt! Trottel! Bleibt mir nix anderes uebrig, als meine Freundin bei den Rucksacktuermen zu lassen, zurueck ins Taxi zu steigen, dem Fahrer zu erklaeren, ich habe es verdammt eilig und er moege auf die Tube druecken, Zug, Flug usw. Der Taxifahrer, eine ruhige Natur, nimmt es gelassen und faehrt lieber sein Tempo. Zu Hause angekommen geht alles sehr sehr schnell (Zeitraffer siehe oben).

Wieder im Taxi sitzend, widme ich mich der Nachricht meiner Freundin Anja, die im Bahnhof mit scharrenden Hufen und nicht unbegruendetem Koefschuetteln auf mich wartet. Unsere Bahn habe mittlerweile 50 Minuten Verspaetung, so ihre Whatsapp. Ich bedanke mich innerlich bei der Deutschen Bahn fuer ihr Verlaesslichkeit in Sachen Verspaetungen, denn sie entzerrt meine Situation deutlich und teile diese Neuigkeit meinem Taxifahrer mit. Wohlwollend nickend nimmt er diese Information in sich auf. An seinem Fahrstil aendert das nix.

Angekommen bei Anja mit den Rucksacktuermen erklärt sie mir den Ernst der Situation, die sich ueberhaupt nicht entzerrt hat, wegen der Bahn: "Ich stelle mich jetzt da an und frage, welche andere Moeglichkeit uns rechtzeitig nach Frankfurt bringt." Verwirrt durch die Ereigniskette nicke ich apathisch. 20 Minuten spaeter: Anja ist an einen freundlichen, kompetenten und vor allem schnellen Bahnmitarbeiter (kein Scheiss) geraten. Der nur so: "Singapur, cool, war ich auch schon. Dann aber schnell zu Gleis 6, ICE nach FFM Fernbahnhof." Er zueckt den magischen Stempel 'Zugbindung entfaellt' und wir rasen mit Vollgas zum Gleis 6. Dort die Durchsage: "Der ICE soundso, der auf Gleis 6 abfahren sollte, faehrt in Kuerze von Gleis 4 ab!" Herzlichen Glueckwunsch.  So schnell, wie es unser viel zu schweres Gepaeck zu laesst, rennen wir zu Gleis 4, kriegen den Zug, einen Sitzplatz auch, Ruhe, das Reisen beginnt.

Reisen - Singapur, Malaysia, Singapur, Indonesien, Singapur, Tanzania - diese Laender, in dieser Reihenfolge, mal kuerzer, mal laenger, das ist der Plan. Bepackt mit einem kleinem und einem grossem Backpack dauert unsere Reise drei Monate. Drei Monate schleppen wir, wie zwei Weinbergschnecken, unser Haus auf dem Ruecken herum. In unseren Rucksaecken neben Zahnbuersten, Badeklamotten und Co. auch Tauchgepaeck. Nun ist der menschliche Ruecken nicht unendlich belastbar, weswegen nur wirklich leichtes Tauchgepaeck seinen Weg in unsere Rucksaecke gefunden hat. Sperrig darf es schon gar nicht sein, denn Platz ist extrem begrenzt, begrenzter noch als unsere Zuladung, die 17 Kilogramm (kg) nicht ueberschreiten sollte.

Backpackingtauchausruestung geordnet nach Wichtigkeit, besser nach Notwendigkeit fuer meine Belange (ab und an moechte ich als Guide arbeiten): Maske, Schnorchel, Flossen (essentiell), Computer (mit vernuenftigen Freedive-Modus), Anzug (keiner friert gerne), Regulator (weil Leihmaterial haeufig schaebbig), Jacket (optional auch leihbar, zum Arbeiten aber besser eines dabei zu haben). Alle anderen Dinge sind 'nice to have'. Cool ist natuerlich ein UW-Gehaeuse fuer ne Kamera. Eine Lampe waere sicher fein, die Akkupacks sind aber wegen ihres Gewichts nicht wirklich backpackkompatibel.

Bis auf die Lampe stopfe ich das alles in meinen Rucksack (Anja beschraenkt sich auf Maske, Schnorchel und Jacket, sie sieht die Gepäcksituation ohnehin kritischer als ich). Ich stelle das Ding auf die Waage, schaue auf die Digitalanzeige und meine Kinnlade schlaegt durch bis zu meinem Fusssohlen. Das verdammte Schneckenhaus wiegt 23 kg, okay, zugegeben, mit Mitbringseln.

Die 23 kg sind das erlaubte Maximalgewicht unserer Airline, aber viel zu viel fuer meinen Ruecken. Was nun? Neu packen, Mitbringsel draussen lassen, noch mal wiegen, 20 kg, noch immer zu viel und kaum Platz fuer Neuanschaffungen in Asien. Okay, sage ich mir, du hast es so gewollt, du wolltest den Feldversuch. Ausserdem denke ich, naiv wie ich bin, das erste Teilstueck von Koeln nach Singapur muss ich das schwere Moped eh nicht oft schleppen. Zur Not specke ich bei meinem Kontakt in Singapur ab.

Also kommen die Mitbringsel wieder rein und ab nach Asien, Geschichten erleben, Geschichten beschreiben.

More to come....




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